WILLKOMMEN
bei Marianne Marlene Peternell

Konflikt – Variationen
 
I.

Krank war sie gewesen. Psychose. Steinhof. Horror pur. Matt saß sie im Hof ihres Wohnhauses und betrachtete die Kakteen, die üppig blühten. Einfach. Üppig. Es blüht. Die Sonne wärmt. Friedlich. Sie rauchte. Ihre Mutter kam.

„Sind sie nicht schön, die Kakteen? Sie blühen wundervoll. Ich werde sie ans Wohnzimmerfenster stellen, dann freuen sich die Nachbarn.“ „Mama, ich will mich freuen, lass mir die Kakteen, sie tun mir gut.“

Als Anna am Nachmittag vom Einkaufen zurückkam, waren die Kakteen aus dem Hof verschwunden. Sie standen am Wohnzimmerfenster, wo ihre Mutter sie hingestellt hatte – wegen der Nachbarn.

Anna wurde von ohnmächtiger Wut gepackt. Sie sagte kein Wort. Sie trug die Kakteen schweigend an ihrer Mutter vorbei zurück in den Hof. Mutter schrie: „Du bist verrückt! Warum sollen die Kakteen im Hof stehen, wo sie keiner sieht! Lass sie am Fenster stehen!“ Anna sagte kein Wort. Sie setzte sich in den Hof und schwieg.

Drinnen rief ihre Mutter den Psychiater an, er solle Anna stärkere Medikamente geben, sie sehe, dass Anna verrückt sei, sie stelle Blumen in den Hof, wo keiner sich an ihnen freuen kann.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

II. Variation nach Ingeborg Bachmann

 

Am Nachmittag saß Anna, die vor kurzem nach einem psychotischen Anfall aus der Psychiatrie entlassen worden war, allein im Hof, und obwohl ihre Mutter entschlossen war, Anna wieder zurück in die Welt zu holen, sah sie, dass Anna sich zurückzog, und sie bügelte und kochte für Annas Kinder, räumte die Wohnung um und machte sich Gedanken, und Anna blieb allein da draußen im Hof und sagte nichts, sie wusste nicht, was sie da so allein dachte, es kam ihr verdächtig vor, sie machte sich Sorgen um Anna , und dann dachte sie, wie gefährlich es war, wenn Anna sich weiterhin abkapselte und zurückzog, niemals würde sie wieder mit den Kindern allein leben können, sie würde Anna ansprechen, sie aufmerksam machen auf die Welt, auf die Nachbarn, ja, es musste sein, sie wollte ihr Kind nicht verkommen lassen, also ging sie hinaus in den Hof und bewunderte die Kakteen und meinte, sie wollte sie ans Wohnzimmerfenster stellen, die Nachbarn könnten dann das Schöne und Lebendige ihrer Wohnung bewundern, doch Anna lehnte alles ab, sie wollte mit den Blumen im Hof allein bleiben, das war doch seltsam, verdächtig, ein Krankheitszeichen, mit Gewalt musste sie Anna in die Gesellschaft zurückzwingen, also nahm sie die Blumen in Annas Abwesenheit und stellte sie ans Fenster, doch Anna trug sie schweigend wieder in den Hof, ganz klar, dass Anna noch immer schwer krank war, sie musste etwas unternehmen, sie rief den Psychiater an, er solle Anna stärkere Medikamente geben, sie war verzweifelt, Anna war wohl nicht mehr zu helfen, Opfer einer unheimlichen Krankheit, von der sie zu wenig verstand.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

III. Variation nach Peter Handke

 

Eigentlich ist nichts Besonderes vorgefallen. Die Mutter hat Kakteen vom Hof in die Wohnung getragen und dort ans Wohnzimmerfenster gestellt, damit die Nachbarn sie bewundern können, was ja eine durchaus nette Idee ist.

Die Tochter, die vor kurzem erst nach einer psychotischen Attacke aus dem Krankenhaus entlassen wurde, steht nun vom Einkaufen zurückgekehrt fassungslos in der Wohnung und starrt die Blumen an. Ihre Zähne sind heftig zusammengebissen, ihr Gesicht ist bleich, so dass jeder, der ihr zuschaut, sofort die ohnmächtige Wut verspürt. Die Tochter nimmt die Kakteen und trägt sie verkrampft schweigend, eine nach der anderen, wieder in den Hof, die Mutter lässt es zu, schreit und schimpft jedoch: „Du bist verrückt! Warum sollen die Kakteen im Hof stehen, wo sie keiner sieht! Lass sie am Fenster stehen!“ Die Tochter setzt sich zu ihren Kakteen in den Hof in die Sonne und bewundert die Blüte, während die Mutter zum Telefon eilt und den Psychiater verständigt. Ihre Tochter sei wieder kränker, sie widersetze sich, sie solle stärkere Medikamente bekommen.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

IV. Variation nach Patricia Highsmith

 

Anna sprach nicht mit ihrer Mutter, aber nicht, weil sie nach wie vor an ihrer Psychose, die sie erst kurz zuvor überwunden hatte, litt, wie ihre Mutter glaubte – sie sprach einfach deshalb nicht mit ihr, weil sie ihre Mutter furchtbar aufdringlich und respektlos empfand. Die Begründung war natürlich zu hinterfragen, das gestand sie zu, natürlich hätte auch ihre Krankheit noch Wirkung zeigen können, aber sie kam ihr jedes Mal wieder in den Sinn, wenn sie ihre Mutter in ihrer Wohnung werken sah und zusah, wie sie alles Mögliche umstellte und neu ordnete. Es war ihr unerträglich, dass es ihrer Mutter nie in den Sinn kam, sie auch nur ein einziges Mal zu fragen, ob ihr das recht war, ob sie einverstanden war. Sie machte ihre Arbeit in der Wohnung zu einer Machtdemonstration, empfand Anna.

Geistesabwesend registrierte Anna von ihrem gemütlichen Platz im Hof, wohin sie geflüchtet war, um Ruhe und etwas Eigenes zu haben, dass ihre Mutter in der Küche werkte und soeben alle Tassen in ein neues Kästchen umsortierte; sie fühlte Hass.

Sie hockte zusammengesunken und mit stillem Gesicht auf einem Korbsessel im Hof, von wo aus sie in die Küche sehen konnte und wendete ihr Gesicht ab und den blühenden Kakteen zu. Es war ein leuchtendes Farbenspiel und sie genoss es. Die Sonne wärmte ihre Haut und sie konnte für Augenblicke die störende Anwesenheit ihrer Mutter in der Küche vergessen.

Doch plötzlich stand diese im Hof und lobte die Kakteen und wollte sie ins Wohnzimmer tragen und dort ans Fenster stellen, damit die Nachbarn sie bewunderten.

Wieder stieg Hass in ihr auf. Konnte Mutter sie nirgends in Ruhe lassen? Sie bat, ihr die Blumen zu lassen, sie wollte sich daran freuen, nicht die Nachbarn. Mutter widersprach nicht, doch als Anna vom Einkaufen zurückkehrte hatte Mutter die Kakteen am Wohnzimmerfenster aufgestellt. Anna wurde bleich vor Wut. Sie trug die Blumen zurück in den Hof, während ihre Mutter sie anschrie, dass sie verrückt sei. Sie hörte nicht zu. Sie saß im Hof im stillen Triumph, sie hatte es geschafft.

Doch am nächsten Tag erfuhr sie von ihrem Psychiater, dass ihre Mutter angerufen hätte, er solle ihr stärkere Medikamente geben, sie sei sehr krank. Er empfahl ihr den Kontakt mit dieser übergriffigen Person zu meiden. Und Anna lächelte innerlich. „Übergriffige Person“ fand sie eine sehr gute Beschreibung für Mutter.